Grüne Vorstösse im Stadtparlament Luzern - Aktuell

Motion: Ein Schritt zur Schule der Vielfalt

23. November 2020

Cyrill Studer Korevaar und Maria Pilotto namens der SP-Fraktion, Marco Müller und Irina Studhalter namens der G/JG-Fraktion sowie Stefan Sägesser namens der GLP-Fraktion verpflichen den Stadtrat mit einer Motion zur vollständigen Umsetzung des Postulates 242, welches am 26. Oktober 2018 eingereicht und am 16. Mai 2019 vom Grossstadtrat behandelt wurde.

Die Schweizer Gesellschaft hat sich insbesondere mit gesetzlichen Verbesserungen, aber auch im gesellschaftlichen Kontext verändert: LGBTQ-Menschen (lesbische, schwule, bisexuelle Personen sowie Transmenschen und non-binäre und queere Personen) leben weniger stigmatisiert und diskriminiert. Allerdings gibt es noch viel Handlungsbedarf: 56 % der queeren 15-Jährigen haben mit Depressivität zu kämpfen, knapp 25 % haben einen schlechten gesundheitlichen Allgemeinzustand.1 Einer von fünf LGBTQ-Menschen hat bereits einen Suizidversuch unternommen. Die Hälfte dieser Suizidversuche wird noch vor dem zwanzigsten Lebensjahr verübt, oft in der schwierigsten Phase des Coming-Outs. Damit ist die Suizidgefahr bei jungen Schwulen im Alter von 16 bis 20 Jahren zwei- bis fünfmal so hoch wie bei ihren heterosexuellen Altersgenossen.2

Das schulische Umfeld ist oftmals eine bedeutende Quelle von Diskriminierungen, kann aber auch als Ort der Aufklärung genutzt und ausgebaut werden: Sie muss erstens LGBTQ-Jugendlichen die nötigen Ressourcen zur Verfügung stellen, um selbstbewusst zu sich stehen und sich selbst auch schützen zu können. Sie muss zweitens allen Jugendlichen die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als gesellschaftliche Realität vermitteln und den Respekt gegenüber der Unterschiedlichkeit fördern. Entsprechendes deutschsprachiges Unterrichtsmaterial wird beispielsweise von der UNESCO zur Verfügung gestellt und setzt bereits im sechsten Lebensjahr an.3

Die Unterzeichnenden bitten den Stadtrat, sich zunächst auf Projektebene den beiden obengenannten Zielen anzunähern. Bei der Konzepterstellung wie der Umsetzung sind LGBTQ-(Jugend)Organisationen (z. B. die Milchjugend) einzubeziehen und es ist auf bestehenden Lehrmaterialien aufzubauen. Die gesammelten Erfahrungen und Empfehlungen sollen dem Kanton und seinen Schulgemeinden zur Verfügung gestellt werden. Mittelfristig soll ein dauerhafter Massnahmenplan ins Auge gefasst werden.

Luzerner Jugendliche sollen offen und selbstbewusst zur eigenen sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität stehen können, ohne Abwertung und Diskriminierung zu befürchten.

Bis zu diesem Abschnitt entspricht der Vorstoss exakt dem Postulat 242, welches am 26. Oktober 2018 eingereicht und am 16. Mai 2019 vom Grossstadtrat behandelt wurde. Bei der Debatte welcher zahlreiche betroffene jungen Personen folgten gab es von allen Fraktionen ein klares Bekenntnis zu einer starken Gewichtung der Thematik und mit Ausnahme des Stadtrates und der SVP-Fraktion sprachen sich alle für die vollständige Umsetzung aus.

18 Monate später fand bisher eine Themen-Orientierung zugunsten der Oberstufenschulleitenden statt; ein ähnlicher Anlass für die Unterstufenleitenden steht allenfalls an. Darüber hinaus werden aber keine Aktivitäten gemäss obenstehendem, überwiesenem Auftrag (dritter Abschnitt) ins Auge gefasst. Die Unterzeichnenden sind über diese Minimalumsetzung enttäuscht und verärgert und hegen Zweifel, ob sich der Stadtrat der Problematik tatsächlich genügend bewusst ist. Die Unterzeichnenden sehen sich deswegen veranlasst, den Stadtrat mit einer Motion zur vollständigen Umsetzung zu verpflichten (Forderungen Abschnitt drei) und bedauern gleichzeitig die damit einhergehenden Verzögerungen. Diese sollen aktiv genutzt werden, indem der Stadtrat zuhanden des Grossstadtrates zusätzlich einen Planungsbericht mit folgenden Minimalinhalten erstellt:
  1. Massnahmenerläuterungen, mit welchen eine Schule der Vielfalt gefördert, homophobes sowie transphobes Verhalten bekämpft und die Selbstschadens- und Suizidrate von LGBTQ-Jugendlichen gesenkt werden kann.
  2. Vorgehens- und Ressourcenübersicht, mit welcher eine Massnahmenumsetzung und damit eine stufengerechte Sensibilisierung in der Stadt Luzern erreicht werden kann.
  3. Massnahmen und Vorgehensweise, mit welchen Stadtluzerner Lehrpersonen, Arbeitende im Schulsozial-, Quartier- und Jugendtreffpunktbereich regelmässig mit der Thematik in Berührung kommen und sie in ihrer Berufsausübung im Sinne dieser Motion anwenden können.
  4. Darlegung, wie die in der Stadt Luzern gesammelten Erfahrungen und Empfehlungen dem Kanton und seinen Schulgemeinden zur Verfügung gestellt werden können.

1 Institut universitaire de médecine sociale et préventive (2017): Enquêtes populationnelles sur la victimisation et la délinquance chez les jeunes dans les cantons de Vaud et Zurich. Les jeunes non-exclusivement hétérosexuelles: populations davantage exposées?
2 Wang, Jen et al. (2007): Health status, behavior, and care utilization in the Geneva Gay Men's Health Survey. Preventive Medicine 44, 7075.
3 https://www.unesco.de/suche?search_api_fulltext=homophobie
https://www.unesco.de/sites/default/files/2018-7/Bek%C3%A4mpfung_von_Homophobie_und_Transphobie.pdf
https://en.unesco.org/themes/school-violence-and-bullying/homophobic-transphobic-violence