Artikel und Pressemitteilungen - Archiv 2003

Das Interview der Woche mit Cony Grünenfelder

Archiv: 6. Oktober 2003

10 NationalratskandidatInnen geben Auskunft - Lesen Sie jede Woche das Interview mit einer oder einem der 10 NationalratskandidatInnen des GB Luzern. Diese Woche: Cony Grünenfelder.

Interview: Urs Steiger

Cony, du kommst gerade aus den Ferien zurück. Wo habt Ihr diese verbracht?
Wir waren in Sestri Levante und haben mit unseren Buben nochmals Sand, Meer und Sonne genossen. Sestri Levante liegt gerade noch innerhalb des Radius, den wir noch als sinnvoll erachten. Ansonsten verbringen wir unsere Ferien oft im Tessin.

Was ist Deine aktuelle Lektüre?
Da gibt es verschiedene, unter anderem «Tal des Himmels» von John von Steinbeck sowie «American Pastoral» von Philip Roth, letzteres lese ich in Englisch. Zeitgenössische amerikanische Literatur gehört überhaupt häufig zu meiner Lektüre.

Du arbeitest teilzeitig als Architektin, hast gleichzeitig aber eine Familie? Wie organisierst Du Deinen Alltag?
Ja, ich arbeite seit 10 Jahren in einem Architekturbüro, heute halbtags. Die Kombination von Familie und Beruf ist schwierig, individuell hauptsächlich eine anspruchsvolle Organisationsfrage, die wir ‐ dank flexiblen Arbeitsmöglichkeiten ‐einigermassen gut bewältigen können. Mark und ich können uns die Kinderbetreuung gleichberechtigt teilen, seitdem Mark als selbstständiger Organisationsberater tätig ist.

Dies ist aber eine sehr individuelle Lösung. Helfen denn die eingeleiteten Massnahmen (Förderung der Kinderhorte) die Situation für die Familien generell zu verbessern?
Wir sind uns bewusst, dass wir eine sehr individuelle Lösung haben. Gerade deshalb brauchen wir ein breiteres Angebot für die ausserfamiliäre Betreuung. Was politisch eingeleitet ist, ist nicht falsch, aber es geht wieder viel zu langsam. Es braucht Lösungen heute und nicht erst für unsere Enkelkinder. Kinderhorte und neue Schulmodelle sind aber auch nicht ausreichend, um die Situation für die Familien tatsächlich zu verbessern. Wir brauchen Veränderungen in der Berufswelt, die es erlauben, dass Frauen und Männer auf allen Ebenen ‐ auch in den Führungsetagen ‐ ohne Imageverlust Teilzeit arbeiten können. Dies bedingt einen Wertewandel in den Betrieben und ein Mitdenken der Familiensituationen.

Mit welcher Art von Projekten beschäftigst Du Dich in Deiner beruflichen Tätigkeit?
Ich bearbeite vor allem Umbauprojekte. Da stellen sich die Fragen nach dem Umgang mit der bestehenden Bausubstanz und des Denkmalsschutzes. Ich habe deshalb auch eine Weiterbildung in diesem Bereich begonnen.

Wie verträglich ist denn das Bauen in den gewachsenen Siedlungen überhaupt? Wie kann Alt und Neu sinnvoll zusammengebracht werden?
Bodenpolitisch sind Verdichtungen ein Gebot der Stunde. Es gibt zahlreiche Beispiele von qualitätsvollen Siedlungsverdichtungen. Am Waldweg in Luzern hat die Eisenbahner Baugenossenschaft eine Überbauung aus den 60er-Jahren beispielhaft saniert und verdichtet.

Trotz Raumplanung geht der Landverbrauch mit 1 Quadratmeter pro Sekunde ungebremst weiter? Was läuft falsch? Wo müssen wir ansetzen?
Die Gemeinden müssen als erstes ihre Baulandreserven überprüfen. Dann gilt es Verdichtungen in bestehenden Gebieten qualitätsbewusst zu realisieren. Die Siedlung Waldweg der Eisenbahner Baugenossenschaft kann hier durchaus als Beispiel dienen. Andererseits muss der Staat seine Verantwortung in der Raumplanung wieder wahrnehmen und nicht nur ‐ wegen unmittelbaren Bedürfnissen Einzelner ‐ Umzonungen im Briefmarkenformat realisieren. Aufweichungen des Planungsrechtes, wie sie etwa mit der Neuberechung der Ausnützungsziffer oder mit den dauernden Attacken gegen das Beschwerderecht der Umweltverbände in Gang sind, muss energisch entgegen getreten werden. Allerdings gilt es auch die individuelle Frage zu stellen: Wie viel Raum benötigen wir für das Wohnen, für das Arbeiten? In diesem Sinne könnte eine Lenkungsabgabe auf dem Bodenverbrauch durchaus Sinn machen. Eine solche Steuerung würde vermutlich relativ schnell greifen.

Die neusten Zahlen zeigen, dass der Wohnungsmarkt vollständig trocken liegt. Was muss hier unternommen werden?
Grundsätzlich gibt es zwei Strategien im Wohnungsbereich, Wohnraum schaffen und Wohnraum schützen. Auf beiden Ebenen müsste gearbeitet werden. Zum einen muss Wohnraum wieder besser geschützt werden, andererseits müssen wieder bessere staatliche Anreize für den Wohnungsbau geschaffen werden. Dazu bestand mit der Wohnungsbauförderung lange Zeit ein vielfältiges Instrumentarium, welches insbesondere die Wohnbaugenossenschaften unterstützte. Eine Revitalisierung dieser Anreize wäre sehr viel wirkungsvoller und würde sehr viel breiteren Bevölkerungsschichten Vorteile bringen als die anvisierte Steuerentlastung der Wohneigentümer.

Was erwartest du als Stadtbewohnerin von der neuen Agglomerationspolitik?
Die Agglomerationspolitik ist zentral und darin natürlich die Verkehrsproblematik. Mit den bisherigen Vorschlägen wird diese aber nicht gelöst. Nur ein ganz massiver Ausbau des ÖV kann weiter helfen und darunter verstehe ich beispielsweise einen 10 Minuten-Takt der S-Bahn. Zurzeit wird aber nicht in die richtige Richtung gearbeitet. Die finanziellen Mittel müssten prioritär und einseitig zugunsten des ÖV eingesetzt werden. Ob danach noch weitere Massnahmen beim Individualverkehr notwendig sein werden, kann danach geklärt werden. Auch hier ist natürlich die Raumplanung eine wesentliche Grösse. Wohnen und Arbeiten müssen möglichst nahe zusammen liegen, da auf diese Weise weniger Mobilität verursacht wird.

Cony, was würdest Du als Nationalrätin als Erstes anpacken?
Ich würde mich für Strukturveränderungen in der Berufswelt einsetzen, welche die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern. Dahinter steht auch meine Überzeugung, dass andere Lebensformen weniger Mobilität zur Folge haben.