Artikel und Pressemitteilungen - Archiv 2003

Das Interview der Woche mit Cyrill Wiget

Archiv: 29. September 2003

10 NationalratskandidatInnen geben Auskunft - Lesen Sie jede Woche das Interview mit einer oder einem der 10 NationalratskandidatInnen des GB Luzern. Diese Woche: Cyrill Wiget.

Interview: Heidi Rebsamen

Welches ist deine bevorzugte Velomarke?
Velociped Eigenbau! Ich komme immer wieder zum Schluss, dass selber zusammengestellte Velos den Bedürfnissen am besten entsprechen. Weil immer weniger in der Nähe produziert wird, ist Individualität ohnehin für die meisten Firmen schwierig.

Wie kommt ein akademisch gebildeter Theologe dazu, eine Velowerkstatt zu eröffnen und Handwerker zu werden?
Aus dem Bedürfnis heraus, etwas konkret umzusetzen. Ich bin häufig erstaunt, wieviele PolitikerInnen hemmungslos Vorschläge machen, denen sie selber nicht nachleben. Mein Konzept ist es, meine Vorstellungen umzusetzten und damit den Tatbeweis anzutreten, dass es umsetzbar ist.

Kommt dazu, dass es Spass macht, Ideen in die Praxis umzusetzen, einiges funktioniert, anderes belehrt mich eines besseren.

Du bist ein typischer Kleinunternehmer oder landläufig gesagt ein "Gewerbler". Wie müsste eine erfolgreiche Gewerbeförderungspolitik aussehen?
Als Kleinunternehmer habe ich schon den Eindruck, dass "Grosse" ernster genommen werden, das heisst, ihnen wird z. B. Infrastruktur zur Verfügung gestellt, die Politik ist um ihr Wohl besorgt (Für den Coop wurde gleich die gesetzlichen Vorschriften angepasst). Um uns bemüht sich die Politik wenig. Sicher müssen wir uns auch selbst an der Nase nehmen und vermehrt intervenieren, wenn es gegen unsere Interessen geht.

Hast du konkrete politische Vorschläge für eine Verbesserung der Situation?
Zwei Forderungen von bürgerlichen Gewerbevertretern unterstütze ich, weil sie auch unserem Betrieb Mühe bereiten. Dies sind zum einen die Handelsabsprachen und Kartelle. Plötzlich werden Produkte bis zu 20% teuerer, nur weil ein neuer Verteiler auftaucht, der die Marke exklusiv vertreten darf, da fehlt dann der freie Wettbewerb.

Zum anderen leiden wir auch unter der "Bürokratie"! Da flattern Formulare ins Haus mit so tollen Begriffen wie "vereinnahmte Entgelte (Mwst), FAK-Zulagen (AHV), transitorische Aktiven (Steuern)..., die nur schwer verständlich sind, dazu sind die Formulare veraltet und unübersichtlich gestaltet, es fehlen die vorgedruckten Daten... all das braucht teure Zeit, die unsere Arbeit verteuert. Da wünsche ich mir Vereinfachungen, zum Beispiel ein einheitliches Formular und eine Holschuld der Sozialversicherungsinstitutionen, also dass sie aktiv werden und sich um mich bemühen und nicht immer ich.

Drittens müssten auch Anreize geschaffen werden, dass wieder vermehrt Leute ins Kleingewerbe einsteigen. Schulungen, Zusammenarbeit mit Behörden... Eine Attraktivitätssteigerung sollte auch die Lehre erfahren.

Mein Gewerbe im Konkreten leidet daran, dass es zwar ökologische Auflagen gibt, diese aber nicht vollzogen werden. Es ist erlaubt zu laute Töffs zu verkaufen, es ist erlaubt Fahrzeuge zu verkaufen die die Abgasgrenzwerte nicht einhalten, es ist erlaubt, Strassen zu erneuern ohne die Radrouten einzubauen... Solange der Vollzug der Umweltgesetzgebung nicht an die Hand genommen wird, ist Velofahren gefährlich, unattraktiv, ohne Prestige, das ist falsch. Wir bleiben die Alternative, und unser Know How wird nicht entsprechend honoriert, sei das lohnmässig oder in einer höheren gesellschaftlichen Anerkennung.

Bildest du Lehrlinge aus?
Vorderhand darf ich noch keine ausbilden, weil ich keine formale Ausbildung habe. Auch das ist falsch, wir hätten schon lange das Know how, müssten aber noch Auflagen erfüllen, für deren Erfüllung uns die Zeit fehlt.

Wir werden uns in nächster Zeit darum bemühen, wenn die momentane Lehrstellenoffensive hält was sie verspricht, dann werden wir in absehbarer Zeit Lehrlinge ausbilden.

In unserer hektischen Zeit muss der Gesetzgeber die Qualität der Betriebe beurteilen und nicht nur den Bildungstitel. Das Velociped ist in den letzten paar Jahren auch gewachsen und die Arbeitsplätze wurden alle durch Profis besetzt. Wir sind aber daran, mit einem weiteren Lokal hier im Zentrum, das Problem zu lösen.

Als angehender Vater interessiert dich bestimmt Familienpolitik. Wie kann ein Kleinbetrieb aktive Familienförderung betreiben?
In unserem Betrieb arbeiten alle Väter teilzeit und können so problemlos Familien- und Erziehungsarbeit übernehmen. Ich denke, eine der wichtigsten Forderungen sind flexible Arbeitszeitmodelle, abgestimmt auf die jeweilige Lebensphase. Von Beginn weg, und das sind mittlerweile 15 Jahre, arbeiten wir nur mit Teilzeitstellen. Diese Handhabung hat uns nur Vorteile gebracht. Es gibt Mitarbeiter, welche seit 15 Jahren bei mir arbeiten. Ich glaube unser Arbeitsklima und Zufriedenheit erreicht deshalb so hohe Werte, weil die Leute ein Leben neben der Arbeit haben.

Natürlich sind nicht beliebige Pensen möglich. Meine Erfahrung für eine reibungslose Organisation besagt, dass es eine untere Grenze gibt. Wenn jemand Verantwortung übernimmt, sollte er mindestens in einem 60%-Pensum arbeiten. Darunter wird es sehr sehr schwierig.