Artikel und Pressemitteilungen - Archiv 2003

Das Interview der Woche mit Christa Stocker-Odermatt

Archiv: 17. September 2003

10 NationalratskandidatInnen geben Auskunft - Lesen Sie jede Woche das Interview mit einer oder einem der 10 NationalratskandidatInnen des GB Luzern. Diese Woche: Christa Stocker-Odermatt.

Interview: Urs Steiger

Christa, was ist Deine aktuelle Lektüre?
Zurzeit ein englischer Krimi sowie «Die rudernden Hunde». Ich bin eine eigentliche Leseratte und verschlinge mindestens ein Buch pro Woche. Den grösseren Teil davon lese ich in Englisch. So halte ich meine Englischkenntnisse frisch, die ich mir erworben habe, als ich mit Up-with-People unterwegs war.

Bleiben wir beim Kulturellen. Welche Rolle soll der Staat hier spielen?
Kultur spiegelt die Gesellschaft und darf deshalb schwierig und herausfordernd sein. Der Bund sollte Anschubfinanzierungen in einem grössren Rahmen leisten, aber dann einen grossen künstlerischen Freiraum lassen.

Soll das Verkehrshaus ein Landesmuseum werden?
Ganz klar! Das Verkehrshaus hat eine grosse gesamtschweizerische Ausstrahlung und hat in den letzten Jahren auch viel neue und innovative Ideen hervorgebracht. Allerdings könnte die Mobilität als solches im Verkehrshaus auch noch weitergehend thematisiert werden.

Du hast Dich immer wieder sehr aktiv für den Langsamverkehr, für die Fussgänger und die VelofahrerInnen engagiert, u.a. in der IG Velo. Wie stehen denn die Zeichen für die Verkehrspolitik heute?
Ich bin wenig euphorisch. Das Sparprogramm wird vor allem auch jene Bereiche treffen, welche für den Langsamverkehr und den ÖV von Bedeutung wären. Auch im Raum Luzern sind wenig optimistische Anzeichen auszumachen. Da werden wieder alte Projekte wie der Südzubringer zur Stadt Luzern hervorgekramt und die S-Bahn Luzern wird zu wenig energisch vorangetrieben. Der Bund sollte Ideen wie den von den Grünen vorgeschlagenen Klimafranken umsetzen, um den ÖV und das Umsteigen zu fördern. Ganz gewiss brauchen wir keine 2. Röhre am Gotthard, keine AVANTI-Initiative und schon gar nicht den missratenen Gegenvorschlag. Der Strassenbau wurde eh schon immer fortentwickelt und die Bahn erst in den letzten Jahren mit der Bahn 2000 wieder gefördert. Allerdings muss auch gesagt sein, dass die SBB zu wenig auf ihre Kunden eingeht und den Kundenservice in vielen Bereichen (Velos, behinderte Menschen ) zu wenig pflegt.

Du arbeitest als Ergotherapeutin bei der Stiftung für Körperbehinderte Rodtegg. Da lassen Dich die diskutierten Änderungen der IV sicher nicht kalt?
Ganz klar. Ich befürchte vor allem, dass es für die direkt Betroffenen deutliche Verschlechterungen gibt und mit dem Ablösungsmodell, welches eine Kantonalisierung anstrebt, verschiedene Standards geschaffen werden. Es gilt zu verhindern, dass die Qualität der Ausbildung der Kinder bzw. die Weiterbildung der Erwachsenen vom Wohnortskanton abhängig wird. Im Kanton Luzern würden wir angesichts der Finanzlage und der bisherigen Erfahrungen ziemlich direkt betroffen sein, falls es so weit käme.

Aber die Annahme des Gleichstellungsartikels hat Dich gewiss gefreut?
Natürlich, das Engagement für Minderheiten ist für mich sehr zentral. Denn eine Gesellschaft ist daran zu messen, wie sie Minderheiten ‐ in diesem Fall die Behinderten ‐ zu integrieren weiss. Diese betrifft aber auch andere Lebensbereiche, etwa die Schulbildung. Dort ist die Forderung nach Chancengleichheit noch immer nicht erfüllt. Noch immer hängt der Schulerfolg davon ab, aus welchem sozialen Milieu ein Kind stammt.

Die Bildungspolitik war Dir in deiner bisherigen politischen Arbeit als Grossrätin (1997-99), in der Schulpflege der Stadt Luzern und als Mitglied des Grossen Stadtrates ein wichtiges Anliegen. Ist die föderalistische Struktur unseres Bildungswesens überhaupt ideal?
Eine intensivere Zusammenarbeit wäre schon von Nöten. Es könnten damit auch die Ressourcen besser genutzt werden, beispielsweise im bereich der Lehrmittel. Zudem könnte auch aus den Erfahrungen anderer Regionen grösserer Nutzen gezogen werden als dies bisher der Fall ist; beispielsweise beim Basisschulmodell, bei welchem die Ostschweizerkantones schon weit fortgeschritten sind, der Kanton Luzern aber erst 2005/06 erste Versuche unternimmt. Eine Vereinheitlichung des schweizerischen Schulwesens wäre aber auch eine Antwort auf die Mobilität der Menschen, welche heute von einem Schulmodell zum anderen wechseln müssen, wenn sie den Wohnsitz wechseln.

Was würdest Du im Nationalrat als erstes anpacken?
Zum einen würde ich nach Lösungen suchen, um den Nord-Süd-Verkehr ohne AVANTI-Initiative zu bewältigen. Zum anderen muss das Agglomerationsprogramm ernsthaft vorangetrieben werden, welches den Agglomerationen wesentliche Verbesserungen bei der Erschliessung durch den ÖV bringt. Ich befürchte sehr, dass dies im Moment nur halbherzig passiert und wegen der Sparwut ungenügend Geldmittel in die Regionen fliessen.