Artikel und Pressemitteilungen - Archiv 2003

Zu viel Stutz für den Stutz

Archiv: 28. Februar 2003

So viel Werbung, wie die Entlebucher Grossräte (alles Männer) für den Ausbau des Schwanderholzstutzes im Grossen Rat machten, ist schon fast verdächtig. Der Schwanderholzstutz liegt am nördlichen Eingang zum Entlebuch. In der Debatte war von der "Lebensader des Entlebuchs" die Rede, von einem "umweltfreundlichen" Projekt, von der "unmissverständlichen Aufwertung der Entlebucher Lebensqualität" oder vom "neuen Gesicht des Entlebuchs". Da hatten wir eben noch gedacht, das neue Gesicht des Entlebuchs sei das Biosphärenreservat, ein Projekt, das die Entwicklung des Entlebuchs mit der Umwelt nachhaltig in Einklang bringen sollte. Soll nun das neue Gesicht etwa darin bestehen, bei der Rossei, wo heute die Begrüssungsfahnen stehen, ein die Landschaft massiv belastendes Viadukt über die Eisenbahnlinie zu bauen?

von Adrian Borgula, Grossrat, Luzern

Das Projekt ist überrissen
Der Kanton plant für 38 Mio. Franken den Ausbau der Strasse am Schwanderholzstutz zwischen Wolhusen und Entlebuch. Der Ausbaubedarf wird begründet mit dem schlechten baulichen Zustand der Strasse, mit zahlreichen Gefahrenstellen, mit der Gefährdung des Langsamverkehrs und der Umwelt, mit Lärmschutz und dem aufwändigen Winterdienst. Tatsächlich ereignen sich viele Unfälle auf diesem kurvigen, steilen Strassenabschnitt, allerdings mehrheitlich Selbstunfälle infolge überhöhter Geschwindigkeit oder wegen riskanter Überholmanöver.

Geplant ist nun nicht nur eine Sanierung, sondern ein markanter Ausbau mit der oben erwähnten Überführung, mit einer Überholspur bergwärts und der Streckung der "Sageli"-Doppelkurve mittels eines weiteren Viadukts.

Die GB-Fraktion ist der Ansicht, dass diese Projektteile unnötig und völlig überrissen sind. Überführung und Überholspur bringen lediglich eine marginale Zeitersparnis. Ob Kurvenbegradigungen wirklich zu mehr Verkehrssicherheit führen, ist höchst fraglich, denn die scheinbar grössere Sicherheit kann zu zusätzlichem Rasen verleiten, was auf dieser abschüssigen Strecke noch gefährlicher ist, als auf ebenen Flächen.

Ausbau heisst letztlich auch verstärktes Auto-Verkehrswachstum. Dies kann aber sicher nicht das Ziel sein für ein Biosphärenreservat! Als die GB-Fraktion beantragt hatte, den Ausbau der Längmatt-Brücke bei Wiggen auf 40-Tönner-Kapazität nicht ins Mehrjahres-Strassenbauprogramm aufzunehmen, um das Entlebuch nicht noch zusätzlich zu einer LKW-Transitstrecke zu machen, sind wir leider deutlichst unterlegen. Und übrigens: Der Schnellzug hat dreissig Minuten, der Bummler vierzig Minuten von Schüpfheim nach Luzern ...

Projekt reduzieren, Dorfdurchfahrten entschärfen, öV ausbauen
Die GB-Fraktion hat in der Grossratsdebatte erfolglos die Reduktion des Projekts auf die bau- und umwelttechnische Sanierung und die Neuanlage eines Rad-/Gehwegs bergwärts beantragt. Nachdem in den letzten Jahren viele Abschnitte der Entlebucher Hauptstrasse ausgebaut und mit Radwegen versehen worden sind, sind die engen Dorfdurchfahrten Entlebuch und Hasle gegenwärtig die wohl drängendsten Verkehrsprobleme. Da Umfahrungen nicht in Frage kommen, können hier nur eine sofortige Verkehrsberuhigung und punktuelle Anpassungen an den engsten Stellen die Lösung sein.

Die Einführung von Tempo 30 für gefährliche Strassen-Abschnitte war von der Gegnerschaft der Tempo-30-Initiative immer wieder angeboten worden: Hier könnte das Angebot nun eingelöst werden! Schliesslich ist die Förderung des öffentlichen und des Langsam-Verkehrs auch für die Tourismus-Region und das Biosphärenreservat Entlebuch die einzige Verkehrsoption, die sich mit den Geboten der Nachhaltigkeit verträgt.

Gemischte GegnerInnenschaft
Im Rat lehnten auch die Mehrheit der SP-Fraktion und die SVP-Fraktion die Vorlage ab. Letztere bezeichnete das Projekt ebenfalls als zu teure Luxusvariante. Wie bei SVP-Sparanträgen aber üblich, machte die Fraktion keinen konkreten Vorschlag, worauf zu verzichten wäre. Ein Teil dieser Fraktion und eine "Gruppe besorgter Bürger" (keine Bürgerin) lehnen das Projekt ab, weil sie immer noch der alten Idee einer durchgehenden Talstrasse im Emmengraben nostalgisch nachhängen und nicht einsehen, dass dieses Projekt aus verschiedenen Gründen zum Glück schon längst begraben ist, u.a. weil es ein Auengebiet von nationaler Bedeutung ruinieren würde und mit geschätzten Kosten von 700 Mio. Franken schlicht nicht finanzierbar wäre.

Geldabholen als Motivation?
Die Strasse durch das Entlebuch gehört zum Schweizerischen Hauptstrassennetz. Bei Ausbauten beteiligt sich der Bund zu 60% an den Kosten, bei reinen Sanierungen nicht. Die Beteiligung des Bundes am Hauptstrassennetz wird vermutlich bald aufgehoben. Dies ist wohl mit ein Grund, dass Baudirektor Pfister dieses Projekt jetzt und in dieser Dimension vorlegt.

Gegen unsere Minimal-Variante wurde ins Feld geführt, dass damit der Kanton nicht sparen würde, weil er dann das ganze Projekt finanzieren müsste. Auch mit Bundesgeldern muss aber sparsam umgegangen werden. Zudem ist nicht abgeklärt, ob sich der Bund an "unserer" Variante nicht beteiligen würde. Und ganz sicher darf die Beteiligung des Bundes nicht als verdeckte Motivation für den überrissenen Ausbau einer Strasse herhalten. Im Geldabholen beim Bund ist der Kanton Luzern ziemlich stark, ausser wenn es um die Prämienverbilligung geht, und das sagt doch einiges.